Neosprech:Über Neosprech

aus Neosprech, der Informationsseite über die Sprache des Neoliberalismus

Woher "neosprech"?

Siehst du denn nicht, daß die Neusprache kein anderes Ziel hat, als die Reichweite des Gedanken zu verkürzen? Zum Schluß werden wir Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich gemacht haben, da es keine Worte mehr gibt, in denen man sie ausdrücken könnte. Jeder Begriff, der jemals benötigt werden könnte, wird in einem einzigen Wort ausdrückbar sein, wobei seine Bedeutung streng festgelegt ist und alle seine Nebenbedeutungen ausgetilgt und vergessen sind. (...) Mit jedem Jahr wird es weniger und immer weniger Worte geben, wird die Reichweite des Bewußtseins immer kleiner und kleiner werden. Auch heute besteht natürlich kein Entschuldigungsgrund für das Begehen eines Gedankenverbrechens. Es ist lediglich eine Frage der Selbstzucht, der Wirklichkeitskontrolle. Die Revolution ist vollzogen, wenn die Sprache geschaffen ist. (George Orwell (http://de.wikipedia.org/wiki/George_Orwell): „1984“. 1976, 50)

Diese Sätze sagt der Arbeitskollege Syme zu Winston Smith, der Hauptfigur des Romans „1984“ von George Orwell. In diesem 1949 erschienenen Roman skizziert Orwell einen totalitären Überwachungsstaat. Winston arbeitet wie Syme im Ministerium für Wahrheit. Seine Aufgabe ist es, alte Zeitungsartikel und Bücher umzuschreiben, wenn die Parteidoktrin eine Umschreibung der Geschichte anordnet. Das Ziel des totalitären Systems ist die völlige Gleichschaltung von Gegenwart und Vergangenheit. Daher wird im Ministerium für Wahrheit auch an einer neuen Sprache – Neusprech (http://de.wikipedia.org/wiki/Neusprech) genannt – gearbeitet. Durch eine ganze Reihe von Euphemismen bei gleichzeitiger Reduzierung der Sprache werden klar abgegrenzte und einschränkende Denkmuster vorgegeben. Die Menschen sollen nicht mehr in der Lage sein, die Sprache gegen das System richten zu können.

Der Begriff NEOSPRECH steht für die schönfärberische oder verschleiernde Sprache, die den neoliberalen Umbau der Gesellschaft begleitet (siehe z.B. Chancen für alle).

Die Durchsetzung dieser Sprache erfolgt natürlich nicht, wie bei George Orwell, durch einen totalitären Staat. Hier endet die Analogie zwischen dem, was wir als "Neosprech" bezeichnen, und Orwell's "Neusprech". In den heutigen kapitalistischen Industrieländern gibt es einerseits ein Recht auf freie Meinungsäußerung, andererseits werden die stark meinungsbildenden Massenmedien durch profitorientierte Medienkonzerne dominiert, die kein "neutrales" Verhältnis zur ökonomischen Theorie haben können. Der Neoliberalismus ist die wirtschafspolitische Ideologie, die sich mit den Interessen der Besitzenden deckt. Deshalb findet die über die Medien ausgetragene gesellschaftliche Debatte über Ökonomie und Wirtschaftspolitik auf einer "schiefen Ebene" statt, auf der die neoliberalen Argumente eine mediale Verstärkung erfahren und die Gegenargumente häufig unter den Tisch fallen.

Wozu "neosprech"?

Diese systematische Verzerrung ökonomischer Argumente ist nicht neu und sollte eigentlich auch nicht überraschen in einer Gesellschaft, die auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln basiert. Auch JournalistInnen müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, um ein gesichertes Einkommen zu haben, und wenn ihr Arbeitgeber, also z.B. ein Zeitungsverlag oder Fernsehsender, hauptsächlich mit den Einnahmen aus der im Fernsehprogramm oder der Zeitung geschalteten Werbung wirtschaftet, so dürfen die JournalistInnen natürlich die Interessen dieser Werbekunden nicht gänzlich außer Acht lassen.

Was in Deutschland neu ist, ist das Phänomen, dass neoliberale Denkfabriken systematisch, mit Hilfe professioneller Werbeagenturen und mit beträchtlichem Geldeinsatz seitens der Besitzenden (z.B. 100 Millionen Euro vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall im Fall der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) versuchen, ihre Denkmodelle in der Gesellschaft zu verankern. Von diesem Versuch handelt diese Webseite.

Ein wesentliches Mittel neoliberaler Denkfabriken ihre vorherrschende Stellung im gesellschaftlichen Diskurs aufrecht zu erhalten, ist die Sprache, die Kommunikation. Täglich findet eine symbolische Berieselung durch Fernsehen, Zeitungen und Werbung statt, durch die der Neoliberalismus sich uns im Schein einer angeblichen Unausweichlichkeit zeigt.

PIERRE BOURDIEU schreibt in „Gegenfeuer“:

Es gibt ein ganzes Spiel mit den Konnotationen und Assoziationen von Wörtern wie Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, Deregulierung, das glauben macht, die neoliberale Botschaft sei eine der allgemeinen Befreiung. Gegen diese doxa gilt es anzugehen, (...). (BOURDIEU 1998, 41)

Hinter schönfärberischen Worten wie Eigeninitiative, Eigenverantwortung, Schlanker Staat usw. steht eine Ideologie der Kompetenz, wie BOURDIEU es nennt, nach der die Fähigsten das Rennen machen werden, das Rennen um Arbeit, um gesellschaftliches Ansehen, um Macht in der Politik und dergleichen.

Wer ist "neosprech"?

Die Idee, sich mit „Neosprech“ auseinanderzusetzen, entstand während eines Seminars der Bewegungsakademie (http://www.bewegungsakademie.de) in Verden im Januar 2005. Ein Wochenende lang beschäftigten wir uns mit Einflussstrategien des Neoliberalismus. Neben theoretischen Grundlagen des Neoliberalismus und seinen verschiedenen Ausprägungen, standen vor allem deutsche neoliberale Think-Tanks (Wirtschaftsinstitute) oder Denkfabriken im Mittelpunkt der Diskussionen. Als Beispiele wären zu nennen das Walter Eucken-Institut, die Stiftung Marktwirtschaft und Kronberger Kreis, die Bertelsmannstiftung und die Ludwig Erhard-Stiftung.


Die Gruppe Neosprech hat sich zur Aufgabe gemacht, sich mit der Sprache und den damit verbundenen Denkmustern neoliberaler Denkfabriken, Wirtschaftsinstitute und PolitikerInnen auseinanderzusetzen. Dabei begibt sie sich auf die Suche nach Worten, mit denen bestimmte neoliberale Konzepte transportiert werden. Neosprech möchte diese Worte beleuchten, sie ihrer Hülle berauben und dahinter stehende Inhalte offen legen.


Literatur

Bourdieu, Pierre: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstandes gegen die neoliberale Invasion. Konstanz 1998. ISBN 3-89669-511-8

Orwell, George: 1984. Frankfurt/M. – Berlin – Wien 1976 (Als Klett-Taschenbuch auf Englisch: ISBN 3-12-573912-8. Auf Deutsch bei Ullstein: ISBN 3-548-23410-0).

Ulrich Müller, Sven Giegold, Malte Arhelger: Gesteuerte Demokratie. Wie neoliberale Eliten die Politik beeinflussen. VSA-Verlag, Hamburg 2004. Paperback, 184 Seiten, 12,80 Euro. ISBN 3-89965-100-6

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