Neoliberalismus

aus Neosprech, der Informationsseite über die Sprache des Neoliberalismus

"Neoliberalismus" ist ein schwammiger Begriff, der heute wohl kaum noch "richtig" definiert werden kann. Es gibt überzeugte Neoliberale, die sich selbst so bezeichnen. Anhänger neoliberaler Wirtschaftspolitik beklagen jedoch, dass der Begriff zum politischen Kampfbegriff verkommen sei, der jeden denunziere, der wage, "ökonomische Vorschläge" zu beherzigen (so z.B. Nikolaus Piper in der Süddeutschen Zeitung, 18.1.2003: "Neoliberal, na und?"). Letztlich kann mit dem Begriff jedoch ein Großteil der Theorie und Praxis des zeitgenössischen Kapitalismus beschrieben werden:


»Um das zu beschreiben, was wir unter Marktwirtschaft in reiner Form verstehen, muss man die verschiedenen Punkte addieren: Dezentralisierung, Subsidiarität, Wettbewerb, Selbstregulierung, Privatisierung, Privateigentum, Individualismus. Wer das Wort nicht scheut, mag das Ganze „Kapitalismus“ nennen, genauer: Wettbewerbskapitalismus.«

                                                                                                                 GIERSCH, Herbert 1991: 15f



Der Tübinger Ökonom Joachim Starbatty definiert den Neoliberalismus als »eine weltumspannende geistige Bewegung«. Zu ihr zählt er alle Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, die »öffentlich für eine freiheitliche, auf der Grundlage der Marktwirtschaft fußende Gesellschaftsordnung« eintreten. Der organisatorische Ausdruck des Neoliberalismus sei die Mont-Pelerin-Gesellschaft (Societé Mont Pelerin). Diese wurde auf Anregung des neoliberalen Vordenkers F.A. von Hayek nach dem zweiten Weltkrieg begründet und sollte »die Tradition freiheitlich europäischen Denkens fortführen«.

Etwas vereinfacht kann der Neoliberalismus als die wirtschaftpolitische Form einer Wirtschaftstheorie bezeichnet werden, die heute fast weltweit akzeptiert und oft mit dem Namen Neoklassik bezeichnet wird (Brodbeck 2000, S. VII). Der Begriff tauchte erstmals im jahre 1938 auf einer Konferenz liberaler Kräfte in Paris auf, die unter dem Namen "Colloque Walter Lippmann" bekannt wurde. Die Diskussion um die Modernisierung des Liberalismus ging in den frühen 30 er Jahren des 20. Jahrhunderts im Wesentlichen von Deutschland und Österreich aus, aber auch in England, Frankreich und Italien etablierten sich neoliberale Schulen (vgl. Ptak 2000).

Daraus entwickelten sich die zwei wesentlichen Strömungen des Neoliberalismus: zum einen die angelsächsische Variante aus Wiener Schule und Chicagoer Schule (oft pauschal Chicago-Schule genannt), sowie der deutsche Weg des Ordoliberalismus, der die wirtschaftstheoretische Grundlage der sogenannten Sozialen Marktwirtschaft ist.(Eine Übersicht über die verschiedenen Schulen findet sich in Nörr/Starbatty 1999). In jüngerer Zeit ergeben sich jedoch immer mehr Überschneidungen der beiden Haupt-Richtungen.

Im engeren (theoretischen) Sinne bezieht sich der Begriff auf eine politische Wirtschaftslehre, die mit den Hauptvertretern der "Chicago-Schule" Friedrich August von Hayek (Nobelpreis 1974) und Milton Friedman (Nobelpreis 1976) verbunden ist. Beide berieten in den späten 70er Jahren den chilenischen Diktator Pinochet und halfen mit, Chile zum Musterland neoliberalen Umbaus zu machen (vgl. Valdez). Im weiteren (politisch-praktischen) Sinne bezieht sich der Begriff auf ein ordnungspolitisches Programm (vgl. Sottoli 1998).

Es wird heute im ersten Sinne auf nationalstaatlicher Ebene eine weitgehend offene Wirtschaft angestrebt, die auf Basis von wettbewerbsfähigen Exporten in den Weltmarkt integriert ist. Dazu dienen politische Maßnahmen, die auf Preisniveau-Stabilität (makroökonomische Stabilität, "keine Inflation"), Wirtschaftswachstum, Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung gerichtet sind. Beim Neoliberalismus als ordnungspolitischem Programm im weiteren Sinne steht vor allem die Reduzierung der Rolle des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft im Mittelpunkt. Im Gegenzug wird der private Sektor aufgewertet und der Markt als zentrales Verteilungs- und Regelungsmuster aufgebaut (vgl. Sottoli).

Der deutsche Weg des Neoliberalismus, der Ordoliberalismus, ist mit dem Begriff der "Sozialen Marktwirtschaft" verbunden, der von Alfred Müller-Armack geprägt wurde.Dieser wird auch dazu verwendet, den "deutschen Sonderweg" positiv vom angelsächsischen Weg abzugrenzen. In jüngerer Zeit gewinnen jedoch vor allem extreme Interpretationen des angelsächsischen Neoliberalismus in Deutschland an Einfluß (vgl.: Ptak 2000).

International vermischten sich die neoliberalen Linien von Hayek und Friedman zu beginn der 1980er Jahre mit einem erneuerten Neokonservativismus in der Politik (Thatcher/Großbritannien, Reagan/USA, Kohl/Westdeutschland; Lambsdorff-Papier) und führten zu einer "Rennaissance der Neoklassik" in der ökonomischen Theorie. Neoliberale Ökonomen (so z.B. Ian Little, Bela Balasa und Anne Krueger, vgl: Todaro) kamen an Schlüsselstellungen internationaler Finanzinstitutionen: der Weltbank und dem internationalem Währunhsfond(vgl: Todaro 1997; S. 86ff). Sie beeinflussten maßgeblich die weltmarktorientierten Entwicklungsstrategien (Strukturanopassungsmaßnahmen)in sogenannten Entwicklungsländern seit Beginn der 1980er Jahre.

Auf der Ebene der zugrundeliegenden Werte zeigt sich der Neoliberalismus zweispältig. Ein Teil seiner Anhänger beruft sich auf liberale Menschenrechte, wohingegen es auch Vertreter gibt, deren Argumentationen bezüglich marktwirtschaftlichen Wettbewerbs Assoziationen zum Sozialdarwinismus hervorrufen (Kampf Aller gegen Alle).


Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Neoliberalismus


Quellen:

BRODBECK, Karl-Heinz 2000: Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie. Eine philosophische Kritik an den modernen Wirtschaftswissenschaften. 2. Auflage. Darmstadt

GIERSCH, Herbert 1991: Ordnungspolitische Aufgaben in Ost und West. Mit einem Vorwort von Gert Dahlmanns. Bad Homburg

GILLIES, Peter 2000: marktwirtschaft.de. Bad Homburg.

NÖRR, Knut Wolfgang/STARBATTY, Joachim (Hg.) 1999: Soll und Haben - 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft. Marktwirtschaftliche Reformpolitik. Schriftenreihe der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft. N.F. Stuttgart, S.3-5.

PTAK, Ralf 2000: Ordoliberalismus - Zur Entwicklung des Neoliberalismus in Deutschland. In: Goldschmidt, Werner/Klein, Dieter/Steinitz, Klaus (Hg.): Neoliberalismus - Hegemonie ohne Perspektive. Beiträge zum 60. Geburtstag von Herbert Schui. Heilbronn. S. 194-212

SOTTOLI, Susana 1998: Neoliberalismus. In: Nohlen, Dieter (Hg.)1998: Lexikon Dritte Welt. Reinbek bei Hamburg, S. 548f.

STARBATTY, Joachim 1994: Ordoliberalismus. In. Issing, Otmar (Hg.). 1994: Geschichte der Nationalökonomie. 3. Auflage. München, S. 239-254.

TODARO, Michael P. 1997: Economic Development. 6th Edition. Longman: London/New York

VALDÉZ, Juan Gabriel 1993: Die Chicago-Schule; Operation Chile. In: Dirmoser, Dietmar (Hg.) 1993: Der Markt in den Köpfen. Unkel/Rhein, Bad Honnef, S. 36-60.

WALPEN, Bernhard 2004: Die offenen Feinde und ihre Gesellschaft. Eine hegemonietheoretische Studie zur Mont Pèlerin Society. Hamburg Link-Text