Modell Tietmeyer

aus Neosprech, der Informationsseite über die Sprache des Neoliberalismus

Modell Tietmeyer (frz. pensée Tietmeyer/principe Tietmeyer; "Tietmeyersches Denken", bzw. pensée unique, "Einheitsdenken"): von dem Soziologen Pierre Bourdieu im Oktober 1996 in einem Vortrag an der Universität Freiburg/Breisgau geprägte Bezeichnung für das vorherrschende neoliberale Denken in der europäischen Politik. Abgedruckt in Bourdieus Buch Gegenfeuer, sowie leicht verändert in der ZEIT vom 1.11.1996.

Der Begriff "Modell Tietmeyer" bezieht sich auf den ehemaligen Bundesbankvorsitzenden und jetzigen Kuratoriumsvorsitzenden der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft Hans Tietmeyer (siehe auch Lambsdorff-Papier).

  "Das `Modell Tietmeyer´ steht weiterhin für eine gewisse Anzahl von nicht weiter diskutierten Zielen (wie sie in den augenscheinlich neutralen
   Konzepten der Theorie stillschweigend niedergeschrieben wurden), als da sind: höchstmögliches Wachstum, Wettbewerb, Produktivität. Außerdem für
   ein Menschheitsideal, dem nichts Humanistisches eigen ist: das Ideal eines überarbeiteten Managers, auf Kalkül und Karriere bedacht, der je nach
   Bedarf wohlmeinende Reden über `Verlust an sozialer Bindung´ und die Einsamkeit der `Ausgeschlossenen´halten kann. Er kleidet eine
   Wirtschaftspolitik in schönfärberische Worte - `Sozialplan´ für Massenentlassungen, `treibende Kräfte´ für die Unternehmerschaft, `Deregulierung´
   für einen wilden Kapitalismus -, die, neben anderen Folgen, womöglich eine Zivilisation zerstört, die mit der Entstehung des Staates, dieser
   entschieden modernen Idee, verbunden ist." (Bourdieu 1997, S. 174f)

Auch Anhänger Tietmeyerschen Denkens beziehen sich auf den Begriff, so der Tübinger Professor Starbatty in seiner Begrüßungsrede für Hans Tietmeyer anläßlich der Tagung "Soll und Haben - 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft" (5.-7. November 1998):

  "Ihre Einstellung ist in den internationalen Sprachschatz als `Prinzip Tietmeyer´ - französisch `principe Tietmeyer´- eingegangen, bewundert von
   vielen, gefürchtet von wenigen, von allen respektiert." (Starbatty 1999, S. 5).

Quellen

BOURDIEU, Pierre 1996: Das Modell Tietmeyer. (Vortrag anlässlich des deutsch-französischen Kulturtreffens an der Universität Freiburg/Breisgau zum Thema "Gesellschaftliche Integration als kulturelles Problem") In: Bourdieu, Pierre 1998: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstandes gegen die neoliberale Invasion. Konstanz 1998, S. 53-59. Neu aus dem Französischen übertragen von Daniela Böhmler. ISBN 3-89669-511-8

BOURDIEU, Pierre 1997: Warnung vor dem Modell Tietmeyer. In: Bourdieu, Pierre 1997: Der Tote packt die Lebenden. Schriften zu Politik und Kultur 2. Hamburg, S. 171-177. ISBN 3-87975-622-8. Nachdruck aus der ZEIT vom 1.11.1996. Übersetzung von Verena Vannahme. Im Internet: http://www.german.emory.edu/MKL/pols333d/Level2/bourdieu.htm

STARBATTY, Joachim 1999: Begrüßung. In: Nörr, Knut Wolfgang/Starbatty, Joachim (Hg.) 1999: Soll und Haben - 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft. Marktwirtschaftliche Reformpolitik. Schriftenreihe der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft. N.F. Stuttgart, S.3-5. ISBN 3-8282-0105-9

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