Chancengleichheit
aus Neosprech, der Informationsseite über die Sprache des Neoliberalismus
Chancengleichheit ist ein Kernbegriff der Neuen Sozialen Marktwirtschaft. Es geht dabei u.a. um gleiche Zugangschancen zu gesellschaftlichen Ressourcen. Was ein Mensch aus diesen Chancen macht, liegt nach liberalem Verständnis in seiner eigenen Verantwortung.
Kritiker sehen im neoliberalen Verständnis des Begriffs eine falsche Vorstellung über die Ausgangschancen der Individuen. Sie weisen darauf hin, dass Menschen in unterschiedlichste gesellschaftliche Umfelder geboren werden. Die familiäre Situation entscheide über Erfahrungen und "kulturelles Kapital" (Pierre Bourdieu: Die Illusion der Chancengleichheit). Außerdem unterschieden sich persönliche Erfahrungen und Möglichkeiten und Chancen, je nachdem, ob ein Mensch in einer intakten Lehrerfamilie aufwächst, bei einer alleinerziehenden Mutter, in einem Heim oder auf der Straße.
Liberale halten diese Kritik für falsch. Sie bestreiten zwar nicht, dass Menschen durch ihre familiäre Herkunft und die genetischen sowie gesellschaftlichen Prägungen individuell unterschiedliche Ausgangsvoraussetzuungen besitzen.
Sie sind aber der Ansicht, dass diese individuelle Ungleichheit nicht durch staatlich-bürokratische Ausgleichsversuche (zumindest dann, wenn sie über die absolute Existenzsicherung hinausgehen) zu einer als gerecht anzusehenden Gleichheit geführt werden kann.
Anders gesagt:
Es darf demnach in einem "liberalen Gemeinwesen" an keiner Stelle Versuche geben, ein höheres Maß an Chancengleichheit herzustellen.
Liberale behaupten, dass derlei Versuche den Wohlstand aller mindern, und dass auf Ausgleich bedachte Interventionen zum einen meist nur Ergebnis der Lobbytätigkeit diverser Interessensgruppen ist und zum anderen wegen nicht vorhergesehener Effekte (siehe dazu: Frédéric Bastiat "Was man sieht und was man nicht sieht" [1] (http://www.bastiat.de/bastiat/was_man_sieht_und.html)) ständig Folgeinterventionen nach sich ziehen wird.
Liberale behaupten, dass jemand, der "nicht erreichbare Ziele mit fremden Geld zu erreichen versucht", damit entweder insgeheim die Interessen Dritter bedient oder, wenn er es ernst meint, ein Verschwender ist.
Mehr dazu: Politblog von Boche/Rayson u.a. (http://bissige-liberale.com/)
Neue Kritik am Liberalismus
Liberale sind letztlich blind für die durch den Markt verursachten Leiden vieler Menschen, da sie die "freie Marktwirtschaft" für die beste aller möglichen Welten halten.
Eine fundierte aktualisierte Kritik am Liberalismus wird nicht ohne Berücksichtigung der Marx´schen "Kritik der politischen Ökonomie" auskommen.
Zudem ist es notwendig, Anregungen der "Kommunitarismus-Debatte" (u.a.zwischen John Rawls und Michael Walzer)aufzugreifen.
Kernpunkt der Auseinandersetzung ist letztlich die Frage nach sozialer Gerechtigkeit.
Der Bezug auf die Marx´sche Denkweise muss historisch-kritisch sein und muss das Versagen des sogenannten Realsozialismus aufarbeiten.
Ein wichtiges Projekt dafür ist das Historisch kritische Wörterbuch des Marxismus: http://www.hkwm.de/hkwm/.
Literatur zu marxistischer Wissenschaft:
MEW (Marx/Engels Werke) online: http://www.mlwerke.de/me/default.htm
Haug, Wolfgang Fritz 2005: Dreizehn Versuche marxistisches Denken zu erneuern. Hamburg
Haug, Wolfgang Fritz 2005: Vorlesungen zur Einführung ins `Kapital´. Hamburg
Heinrich, Michael 2004: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung. Stuttgart
Herkommer, Sebastian 2004: Metamorphosen der Ideologie. Zur Analyse des Neoliberalismus durch Pierre Bourdieu und aus marxistischer Perspektive
Strehle, Res 1991: Kapital und Krise. Einführung in die politische Ökonomie. Berlin
